Wie ein Pfeil ins Knie nach Skyrim kam
„Da waren halt ein paar Memes auf Social Media“, erinnert sich Emil Pagliarulo, Design Director bei Bethesda Game Studios, an einen Moment nicht lange nach der Veröffentlichung von The Elder Scrolls V: Skyrim zurück.
„Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht groß drüber nach“, fügt er hinzu. „Es gibt ja Millionen Memes da draußen. Die Leute fabrizieren ständig welche, und es passiert selten, dass eines richtig populär wird.“
„Aber bei diesem hier war das so.“
Das Meme bezieht sich auf den Satz einer NPC-Wache, auf einen kleinen beiläufigen Dialog, der von Pagliarulo geschrieben wurde und ohne sein Wissen zu einem der bekanntesten Zitate des Spiels wurde: „Früher war ich auch ein Abenteurer. Aber dann habe ich einen Pfeil ins Knie bekommen.“
„Pfeil ins Knie“ inspirierte unzählige Image-Macros und Videos, die über Social Media geteilt wurden, fand Eingang in Artworks und Song-Parodien, und bekam sogar einen Eintrag auf KnowYourMeme. Schnell war der Satz nicht nur bei den Skyrim-Fans populär, sondern auch in der gesamten Gaming- und Internet-Community.
„Es tauchte einfach überall auf, und ich fand es lustig, dass gerade diese Zeile so ein Echo bei den Leuten fand. Und es war schräg, weil ich plötzlich überall darauf stieß, sogar in anderen Spielen“, erzählt Pagliarulo. „Aber als ich dann das Musikvideo von LMFAO für den Song Sorry For Party Rocking sah, wo ein Typ mit einem Pfeil im Knie auf die Tanzfläche geht, da dachte ich einfach nur: Was zum Henker?“
Pagliarulo, der zu dieser Zeit Senior Designer für Skyrim war, beschreibt die Zufälligkeit dieser Zeile, die neben diversen anderen, eigentlich unverfänglichen Sätzen die NPCs von Skyrim ein bisschen aufpeppen sollte. „Ich erinnere mich, dass es spät nachts war, fast schon früher Morgen, wir steckten tief in der Entwicklung von Skyrim und ich improvisierte einen Haufen Zeilen für die Wachen. Das lief genauso wie ein paar Jahre später mit den Dialogen der Wachen in Fallout 4. Ich versuchte einfach, auf ein paar lustige, schnelle, kurze Zeilen zu kommen, die die Wachen ein bisschen interessanter machen sollten. Das ist die ganze Geschichte dahinter.“

In einem Interview mit Mashable für deren 2017er-Artikel über die Geschichte des Memes und seines Einflusses auf die Popkultur fügt Pagliarulo hinzu, dass Zeilen wie „Pfeil ins Knie“ nicht nur eine Möglichkeit für NPCs sind, Leere auszufüllen, sondern auch die Chance eröffnen, ihnen Flair und Persönlichkeit zu geben.
„In diesem Fall empfand ich das einfach als amüsante Gelegenheit, und vielleicht sogar glaubhaft. Schließlich hätte er ja irgendwann mal einen Pfeil ins Knie bekommen können, und nun hat er sich halb zur Ruhe gesetzt und läuft in der Stadt herum wie ein abgetakelter Fantasy-Streifenpolizist.“
Wie natürlich so eine Zeile auch in die Welt von Skyrim passen mag, es ist ein komplexer Prozess, Dialog und Sprachausgabe aller Art in ein Spiel zu bringen, ganz zu schweigen von der Lokalisierung in andere Sprachen oder den Zeichenlimits bei Untertiteln.
„Die anderen Dialoge, die wirklich intensiven Story-Sachen, die sind die wahre Herausforderung“, erläutert Pagliarulo. „Die Designer müssen tonnenweise davon schreiben, und die Sachen werden eingehend redigiert und ändern sich gewaltig.“
„Dann muss man Probeaufnahmen mit Schauspielern machen, genau die richtige Stimme für einen Charakter finden und all diese Zeilen aufnehmen. Wenn man danach den Dialog ändert, dann muss man sich den Sprecher erneut holen und die Zeilen noch mal aufnehmen. Und nachdem diese Angelegenheit immer fortschrittlicher wird, kommen sogar noch mehr Schritte hinzu, beispielsweise dass man die Zeilen einer anderen Partei zwecks realistischer Lippensynchronisierung zukommen lässt. Ich glaube, dass viele Spieler vielleicht gar nicht realisieren, was für ein gewaltiges Unterfangen das in Wirklichkeit ist.“

Das alles mag zwar bei der Entwicklung von Videospielen üblich sein, führt einem jedoch vor Augen, wie viele Hände und Talente nötig sind, um die Luft von Skyrim mit dem Klang von Worten zu füllen – und das macht es nur noch faszinierender, wie ein eigentlich harmloser Satz einer Wache so schnell nach der Veröffentlichung des Spiels seinen Weg in die Meme-Kultur gefunden hat.
„Ich hatte das damals nicht realisiert, aber ich glaube, dass die Memes Anklang finden, die von Fans auf unterschiedliche Situationen gemünzt werden können“, überlegt Pagliarulo. „Es ist einfach witzig, ein Thema zu variieren. Wie bei der Frau, die eine Katze anschreit, oder dem Freund, der einer anderen Frau hinterhersieht. Die ursprüngliche Intention ist nicht wichtig – es geht darum, wie witzig jemand das Meme machen kann, indem es auf eine andere Situation angewandt wird. Die Pfeil-ins-Knie-Memes sind witzig, weil sie letztlich überhaupt nichts mit Skyrim oder Wachleuten zu tun haben.“
Vielleicht ist das der Schlüssel. Pagliarulo bestätigt, dass die Zeile buchstäblich so gemeint ist – „ein Pfeil ins Knie“ ist kein Skyrim-Slang für „auf die Knie gehen, um jemand einen Antrag zu machen und eine Familie zu gründen“ oder Ähnliches. Und doch lebt diese Zeile – die sich so gewöhnlich im Spiel anfühlt, aber so außergewöhnlich für uns in der realen Welt klingt – im Spiel und eröffnet den Spielern, die durch die Straßen von Weißlauf wandern, in ihren Köpfen eine Welt voller Möglichkeiten. Vielleicht hat sich diese Wache wirklich nach ihrer Abenteurerkarriere hier niedergelassen. Oder sie ist einfach nur ein abgetakelter Fantasy-Streifenpolizist. Wie auch immer, dies ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass es kein einzelnes Element gibt, das Skyrim definiert – diese Zeile ist nur einer von unzähligen Gründen, warum Abenteurer selbst ein Jahrzehnt nach Veröffentlichung zu diesem Spiel zurückkehren.
